Therapie
bietet neue Lebensperspektiven
Bei der Therapie von Borderline-Störungen fährt die
Westfälische Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie zweigleisig: Die Patienten
können an beiden Standorten, in Eickelborn wie in Warstein, aufgenommen werden. Ein
spezielles mehrmonatiges Therapieprogramm für Patienten mit Borderline-Störungen wird in
Warstein auf der Station 20 angeboten.
Wie Dr. Hubert Hermes, psychologischer Psychotherapeut im
Haus 28 in Eickelborn, berichtet, bemühen sich die Behandlungsteams im Rahmen der
Krisenintervention darum, den zumeist hochgradig erregten Patienten zunächst einmal vor
sich selbst zu schützen. Dabei geht es uns vor allem um die Verminderung der
Suizidalität und des selbstschädigenden Verhaltens."
Wichtig ist, dass sich die Patienten über ihre
unhaltbare Situation klar werden, indem sie sich u. a. fragen, warum bin ich in der
Klinik, warum treten bei mir diese hohen Spannungen auf und warum handele ich immer so
impulsiv? Wenn die Patienten dann erst einmal aufgefangen sind, sollten sie sich in einem
nächsten Schritt darüber klar werden, wie es jetzt mit ihnen weiter gehen soll; ob sie
wieder nach Haus wollen oder ob sie bereit sind, sich einer dreimonatigen Behandlung zu
unterziehen. Die würde nicht in Eickelborn stattfinden, wohl aber in Warstein auf der
Station für Anpassungs- und Persönlichkeitsstörungen.
Der Entschluss zu einer stationären Behandlung fällt
den Patienten natürlich nicht leicht; ihrem Persönlichkeitsbild entsprechend sind sie
auch hier immer wieder hin- und hergerissen. Wie die Fachleute betonen, muss erst ein
entsprechender Leidensdruck vorliegen, bis sich ein Patient zu einer solchen Therapie
entschließt. Wie Dr. Ursula Herrmann aus Warstein berichtet, lässt die Klinik den
Patienten aber auch Zeit mit ihrer Entscheidung. In der Regel führen wir ein
Vorgespräch und dann läuft eine zweimonatige Wartephase. Da gibt es zwischendurch noch
zweimal einen Telefonkontakt mit dem Patienten, um herauszufinden, ob er die Therapie noch
machen will; und erst wenn er wirklich fest entschlossen ist, kommt er dann zu uns in die
Klinik nach Warstein."
Nach dieser Vorbereitungsphase kann dann mit dem
dreimonatigen stationären Behandlungsprogramm begonnen werden. Das reicht nach Angaben
der Ärztin von der Arbeits- bis zur Musiktherapie. Zu Beginn werden in Einzelgesprächen
mit dem Patienten die speziellen Behandlungsziele festgelegt. Die Patienten formulieren
schon am ersten Tag, was sie in der Klinik erreichen wollen. Dabei steht nach Angaben von
Dr. Herrmann der Abbau von Suizidalität und Selbstschädigung sowie die Vermittlung
bestimmter Fertigkeiten zur Verbesserung der Lebensqualität im Mittelpunkt.
Hier gehe es aber nicht um den großen
Entwurf", sondern um kleine, realisierbare Schritte etwa nach der Devise: Ich
schneide mich seltener, ich kann besser nein sagen, Wünsche äußern und Beziehungen
besser gestalten. Dieses Fertigkeitstraining gliedert sich nach Angaben von Dr. Herrmann
in vier Komplexe. Wir sprechen hier z. B. von der inneren Achtsamkeit".
Dabei lernen die Patienten, innere Vorgänge besser wahrzunehmen. Sie sollen sich nicht
auf zehn Dinge gleichzeitig, sondern nur auf eine Sache konzentrieren." In einem
weiteren Schritt bemühen wir uns um eine größere Stress-Toleranz, die es den Patienten
ermöglicht, den hohen Druck abzubauen, ohne sich gleich wieder zu ritzen".
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| Besonders schwer fällt den
Borderline-Patienten der nächste Komplex; dabei geht es darum, einen angemessenen
Umgang mit den Gefühlen" zu erlernen. Beim letzten Modul dreht sich alles um die so
genannten zwischenmenschlichen Fähigkeiten", also darum, jemanden um etwas zu
bitten, aber auch auf eine Bitte hin nein zu sagen. Dr. Herrmann: Mit diesen
Übungen sollen die Patienten ihre verloren gegangene Selbstachtung wieder gewinnen."
Ein so umfangreiches Programm lässt sich kaum in
drei Monaten absolvieren, nicht einmal bei stationärer Behandlung. Das ist aus Sicht der
Therapeuten aber auch nicht tragisch, denn ein Teil der Behandlung kann auch ambulant
erfolgen. Dafür ist Matthias Eickhoff, Arzt und Psychotherapeut in der Warsteiner
Ambulanz zuständig. Nach seinen Angaben kann die ambulante Phase bis zu zwei Jahren
dauern. Da können die Patienten die Module, die sie in der stationären Behandlung
nicht absolviert haben, nachholen und gleichzeitig die bereits erworbenen Fähigkeiten
noch einmal vertiefen."
Bei der ambulanten Therapie kommen acht Patienten einmal
pro Woche mit zwei Therapeuten in der Gruppe zusammen. Daneben gibt es noch
Einzelgespräche bei einer Psychotherapeutin. Nach den Erfahrungen von Matthias Eickhoff
sind die Patienten in dieser Phase sehr engagiert. Spätestens jetzt merken sie, dass die
Therapie etwas bewirkt und dass sie ihnen etwas bringt. Fachleute bewerten die Ergebnisse
der Therapie mittlerweile als sehr ermutigend. Für viele Patienten zeichnen sich nach der
Behandlung befriedigende Lebensperspektiven ab. Das bestätigt auch Joachim Schuster:
Nicht selten können wir nach Abschluss der Therapie beobachten, dass die Patienten
wieder mit ihren Partnern und Angehörigen zurechtkommen und auch in ihrem Berufsleben
sind Fortschritte erkennbar."
Medikamente nur in Maßen
Spezielle Medikamente zur Behandlung der Borderline-Störung gibt es nicht. Dennoch kann
man nach Meinung von Experten einige Symptome medikamentös behandeln.
So werden z. B. zum Abbau von Spannungen beruhigend wirkende Medikamente eingesetzt.
Erfolgreich kann auch die Einnahme so genannter Neuroleptika sein, etwa bei besonderen
Anspannungen oder dem Gefühl einer inneren Leere. Wie die Therapeuten betonen, werden
Medikamente aber nur ganz gezielt eingesetzt, und letztlich entscheiden die Patienten
selbst, ob sie Medikamente einnehmen wollen oder nicht. |